Wie lernen Hunde überhaupt und was hat das mit Strafen und Verstärkung auf sich?

Wie lernen Hunde überhaupt und was hat das mit Strafen und Verstärkung auf sich?

Wusstestduschon_Verknüpfung

Hunde verknüpfen nahezu gleichzeitig auftretende Ereignisse miteinander. Sämtliche Sinneseindrücke, sowie der aktuelle emotionale Zustand werden dabei mit gelernt. Die klassische Konditionierung wurde durch einen Zufall von Iwan Pawlow entdeckt. In seinem Fall wurde Futter mit einem anderen Reiz (Glockenläuten) verknüpft.  Nach der Verknüpfung reichte dann alleine das Glockenläuten aus, um die Erwartungshaltung an die Verknüpfung auszulösen.  Verknüpfungen sind nicht immer beeinflussbar und wir wissen nicht, wann ein Hund einen Reiz mit einem anderen verknüpft. Die besten Beispiele zum Verständnis der klassischen Konditionierung sind die Türklingel oder das Öffnen einer knisternen Tüte. Zu Beginn waren dieses neutrale Reize für Deinen Hund. Doch immer wenn es an der Tür geklingelt hat, passierte für ihn etwas Aufregendes/Angenehmes – es kam Besuch. Oder Du hast in die Chipstüte gegriffen und dein Hund hat irgendwann die Erfahrung gemacht, dass kurz nach dem Knistern, sei es von Dir gewollt oder auch nicht, Krümel auf den Boden gefallen sind und er sie verköstigen konnte. IMG_3488Die klassische Konditionierung greift zum Beispiel, wenn ein Hund auf den Clicker oder ein Markerwort konditioniert wird. Nach dem Click oder Wort muss binnen 0,5-2 Sekunden das Futter bei dem Hund ankommen. Nach ca. 15-30 Wiederholungen weiß dein Hund bereits, dass das Clickgeräusch oder das Markerwort Futter ankündigt.

Eine weitere Lerntheorie ist die „Operante Konditionierung“. Hierbei ist der Hund aktiv dabei, er handelt. Das unterscheidet sie auch von der klassischen Konditionierung. Hündische Verhaltensweisen führen entweder zum Erfolg oder eben nicht. Sie werden belohnt oder bestraft. Ein Hund lernt dabei die Konsequenzen so zu steuern, so dass es für ihn angenehm ist. Ein Verhalten wird durch seine Konsequenzen bestimmt.  Wie wirken Konsequenzen?

Die Fragen die Du Dir also stellen solltest sind: Welches Verhalten soll mein Hund in einer Situation zeigen? Was motiviert und verstärkt meinen Hund?

Wenn ich weiß, was mein Hund in einer x-beliebigen Situation für ein Verhalten zeigen soll, verstärke ich dieses, in dem ich ihm etwas Angenehmes hinzufüge. Idealerweise nutze  ich dafür ein Markerwort oder einen handelsüblichen Clicker (s. erster Abschnitt), damit ich auch schnell genug bin. Alles was wir verstärken, zeigt der Hund heftiger, häufiger & hartnäckiger. Möchte ich einen Hund, der beim Essen auf seinem Hundeplatz liegt, so verstärke ich genau dieses Verhalten.

Was passiert aber beim Strafen? Das Zeitfenster (du hast auch da nur 0,5-2 Sekunden Zeit!), die Fehlverknüpfungsgefahr und der emotionale Schreckmoment (und noch so vieles mehr), machen die Sache mit den Schreckreizen oder generell die positive Strafe so kompliziert. Schreckreize werden leider noch immer eingesetzt, um Verhaltensweisen zu korrigieren, bzw. diese zu unterbinden. Was ist das Problem mit Schreckreizen? Schreckreize sind unberechenbar, man weiß nie, was der Hund nun miteinander verknüpft, sodass es schnell zu Fehlverknüpfungen kommen kann. Mal abgesehen von der emotionalen Grundlage des Hundes, ist strafen kompliziert und lässt keine Fehler zu. Und wer Probleme mit seinem Timing hat, sollte die Finger davon lassen. Einmal falsch gestraft kann schlimmstenfalls ein sehr langes und intensives Training bedeuten. Markertraining mittels Clicker oder Wort ist da um einiges toleranter.

Aber strafe ich nicht immer, wenn ich Kekse dabei habe und diese meinem Hund nicht gebe? Entziehen von etwas Angenehmen ist auch eine Form des Strafens. Wenn etwas Schönes weggenommen oder verwehrt wird, kann dieses zu Frust führen. Lerntheoretisch kann sich niemand davon freisprechen, nicht zu strafen, denn auch das Entziehen meiner Aufmerksamkeit, kann für einen Hund Strafe bedeuten.

Wann wurdest Du das letzte Mal im Auto geblitzt? Was passierte danach mit Dir? Kurz nach dem Blitzen bist du auf die Bremse getreten! War die Strafe nicht heftig genug, bist du vielleicht, wenn überhaupt, ein paar Stunden/Tage angepasst gefahren! An der Stelle, wo du geblitzt wurdest, fährst du dem Tempo entsprechend langsam- an Stellen, wo du noch keine Blitzerfahrung gemacht hast, benimmst du dich hinterm Lenkrad wie immer. Und was ist der Clou? Kastenwagen und Kombis am Straßenrand und Markierungen vor Autobahnbrücken kündigen Abstandsmessungen/Blitzer an. Du fängst also an darauf zu achten, ob ein Kombi oder Markierungen auf der Autobahn vorhanden sind, um der Strafe zu entgehen! Zusammengefasst: Strafe macht langsam. Strafe ist kontextabhängig (an der Stelle, wo du geblitzt wurdest fährst du langsam, woanders nicht), Strafen unterliegen Vorankündigungen. Wäre es nicht viel einfacher, wenn wir ein Zähler im Auto hätten, der unsere angepasste Geschwindigkeit aufzeichnet und wir irgendwann einen Geldbetrag erhalten? Würden wir nicht eher angepasst fahren? Ich glaube schon.

Was passiert beim Hundetraining eigentlich mit meinem Gehirn? Menschen unterliegen ebenso wie andere Lebewesen den Lerntheorien. Nicht umsonst dauert es 0,5 Sekunden bis du beim Smartphone eine „Rückmeldung“ erhältst, wenn du auf den Homebutton drückst. Außerdem wirst du beim Strafen leider selbst positiv verstärkt. Positive Strafen haben meist schnellen Erfolg, der jedoch nicht lange anhält. Was passiert also? Du strafst, hast Erfolg, wirst also positiv verstärkt und wirst auf Dauer heftiger, häufiger und hartnäckiger strafen.

Aktuelle Erkenntnisse zielen also eher darauf ab, sich dem Verhalten zu widmen, welches ein Hund öfter zeigen soll und unerwünschtes Verhalten gar nicht erst entstehen zu lassen. Noch mehr als das. Es geht um sein Gehirn. Es geht um Gedächtnisspuren, die ich ausbauen und erst gar nicht entstehen lassen möchte, um Neurotransmitter, um Gefühle! Meinem Hund mitzuteilen, was er eigentlich machen soll – Das sorgt für emotionale Stabilität und eine gelungene Mensch-Hund-Bindung. Es geht nicht um Verhaltenskorrektur, sondern eher darum sich die Frage zu stellen, welches Alternativ- oder inkompatibles Verhalten mein Hund zeigen kann! Probleme gar nicht erst entstehen zu lassen, wäre der Idealfall. Aber was kann mein Hund statt des ständigen Bellens tun? Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, dass er lernt, seinen Fang in deine Hand zu legen, sich abzulegen, dich anzuschauen, … Dein Hund wird nicht wissen was er machen soll, wenn er eine Ladung Wasser ins Gesicht bekommt.

dog-1888234_960_720Zu guter Letzt eine Lernform, die leider viel zu wenig Beachtung findet, aber enorm wichtig ist, ist die Habituation.  Habituation ist Gewöhnung. Durch sie wird gelernt, einen Reiz in bestimmten Situationen, in denen er unbedeutend ist, zu ignorieren. Das heißt aber auch, dass Gewöhnung nur eintreten kann, wenn das sogenannte Überhören oder Ignorieren dessen, keine negativen Konsequenzen nach sich zieht, also für den Hund tatsächlich überhaupt gar keine Bedeutung hat. Idealweise lernt ein Welpe bereits viele Reize in einem entspannten Kontext kennen. Kurz um, Reiz X verliert an Bedeutung. Dazu kannst du mit deinem Hund an einen Ort fahren und dich mit ihm auf eine Decke setzen. Idealerweise legt er sich entspannt (ohne dafür ein Signal wie Down/Warte zu geben) hin. Unterstützend helfen ihm evtl. Kau- und Schleckartikel um sich zu entspannen. Ist dein Hund zu aufgeregt, solltest du zunächst eine reizarmere Umgebung suchen, denn….. Das Gegenteil von Habituation nennt sich Sensibilisierung. Sensibilisierung erklärt die Zunahme der Stärke einer Reaktion auf einen bestimmten Reiz. Bedeutet vereinfacht: Reiz X gewinnt an Bedeutung. Habituation geht immer – egal wie alt dein Hund ist!